Ich schwitze etwas, und komme aus dem Takt. Mist, das Lied hatte ich doch die letzten 2 Tage so ge�bt. Ich singe gerade “????????” (yue liang dai biao wo de xin), von meiner Lehrerin grob als “der Mond ist mein Herz” �bersetzt. “qing qing, de yi ge wen”, kommt es aus meinem Mund. Eine 25 j�hrigen Kollegin bringt Blumen an die B�hne. Tr�ume ich? Nein, es ist chinesisches Neujahrsfest, und ich stehe vor ca. 100 Kollegen auf der B�hne und singe ein Lied. Nicht, dass ich besonders gut singe, ich glaube, jeder Chinese ist dank Karaokeerfahrung besser als ich. Aber als ich gebeten wurde, doch etwas f�r das chinesische Neujahrsfest der Firma vorzubereiten, wurde mir dieser Song vorgeschlagen. Und nun stehe ich da. Den Kollegen gef�llt es wohl, wenn ein Ausl�nder Chinesisch singt, egal, ob gut oder schlecht. Aber warum mache ich das? In Deutschland w�rde sich doch keiner vor dem Kollegenkreis so entbl��en. Aber hier, hier ist es irgendwie normal. Letztes Jahr, und auch dieses, leisten viele Kollegen Vorbereitungsarbeit, um auf dem Neujahrsfest den Kollegen etwas vorzuf�hren. 6 Kolleginnen tanzen in extrem bauchfreinen Tops einen Bauchtanz vor, und die Jungs aus dem Projektmanagement tanzen mit Per�cke, wei�en Hemd und identischen Krawatten im Stile einer Boyband. Dazu gibt es noch eine Modenschau, in der jeder Tisch einen Kollegen originell verkleiden muss. Diese Feier ist definitv anders als unsere Feiern in Deutschland.

Mein Lied ist fast vorbei, “wo ai ni you ji fen”, kommt noch mal aus meiner Kehle, und dann ist Stille. Leichter Applaus bricht auf, wahrscheinlich habe ich doch schlecht gesungen – oder alle sind zu �berrascht von meiner Einlage. Egal, ich habe meinen Teil getan, und wer kann sonst noch sagen, schon mal vor 100 Leuten gebeten worden sein, zu singen? Und dann noch Blumen zu bekommen. Ich summe das Lied noch �fters in den n�chsten Tagen, es ist ein sehr sch�nes Lied.

Leo.