Suzhou, letzten Freitag, 18 Uhr. Es pfeift ein kalter Wind durch die Stra�en. An der Ren Min Lu, vor dem Armani Gesch�ft, hockt auf Knien eine Bettlerin. Sie verbeugt sich nach vorne, hat die Augen geschlossen. Auf ihrem Schoss ein kleines Kind. Ihr Bettelgeld sammelt sie in einer aufgeschnittenen Getr�nkedose. Die Dose gl�nzt golden, rote Buchstaben schimmern darauf. Es ist eine Getr�nkedose von Red Bull. Zynisch f�llt mir deren Werbespruch ein. �Red Bull verleiht Fl�gel�

Leo.

Als Europ�er sind wir in China ja leicht zu erkennen. Wer dann noch wie wir eine kleine Tasche und Foto in der Hand hat, ist dauernd das Ziel von Verk�ufern, schwarzen Taxen, Bettlern sowie sonstigen Dienstleistern. Eine Gruppe davon sind die Schuhputzer.

Auch wenn meine Sportschuhe nicht sonderlich dreckig waren, und au�erdem nicht aus Leder bestehen, am U Bahn Ausgang der �Ren Min Lu� sprangen 2 Schuhputzer auf mich zu. Ich hatte keine Lust und ging schneller, allerdings die beiden auch. Einer spritze mir im Laufen Schuhcreme auf den Schuh. Holly sah dies und dachte, mein Schuh sei dreckig. Sie rief es mir zu, daraufhin verlangsamte ich meinen Lauf und sah auf meinen Schuh�zu sp�t. Da waren sie schon da und wienerten an den Schuhen rum. Zwar nur auf der Schuhspitze und nur f�r 1 Minute, aber daf�r wollten sie 20 RMB. Auch wenn das nicht viel Geld ist, ich war sehr sauer, weil das in Deutschland schon unter N�tigung gefallen w�re. Wir einigten uns auf 10 RMB, was immer noch viel zu viel ist, und in Zukunft werde ich noch schneller laufen.

�brigens fuhren wir am n�chsten Tag im kleinen St�dtchen Zhujiazhou Boot in einem kleinen Kanal. Am Kanalrand rief uns eine Schuhputzerin zu, dass sie aufsteigen wollte, um uns die Schuhe zu putzen. Nur eindeutige Signale an unseren Kapit�n, das Land nicht anzusteuern, konnten ein erneutes Schuhputzen verhindern.

Ich kann die Leute ja verstehen, wenn jeder versucht, etwas Geld zu verdienen. Aber das ich mir nicht jeden Tag mit dem falschen Putzmittel meine Schuhe wienern lassen will, sollte denen auch einleuchten.

Leo.

Sind wohl die Sachen, die es in Shanghai nicht gibt, aber jeder Tourist haben will. Beim abendlichen Spaziergang durch die Einkaufsstra�e Nanjing Lu wurde ich 20-mal gefragt, ob ich nicht Rolex Uhren oder Luxustaschen erwerben will. Das mag so weit noch einleuchten, allerdings wurde ich auch regelm��ig gefragt, ob ich Interesse an Haschisch habe. Klar, ich habe nix besseres zu tun, als mir in China sch�n einen Joint reinzuziehen. Allein die Vorstellung, mich beim eventuellen Erwischen mit der lokalen Polizei auseinandersetzen zu m�ssen, reicht mir aus. Allerdings werde ich meinen Kleidungsstil noch mal �berdenken m�ssen, denn es kann kein Zufall sein, dass die nur mich angesprochen haben. Oder ob die jeden Touristen Drogen verkaufen?

Zu den gef�lschten Markenklamotten, Uhren und Taschen bleibt zu sagen: Anscheinend ist es wirklich so, dass anders wie z.B. in Beijing diese Dinge nicht offen verkauft werden. Da in Shanghai wohl doch mehr ausl�ndische Unternehmen sind, ist der Druck dort wohl etwas gr��er. Ein paar Freunde, die gerne ein paar Kopien gekauft h�tten, mussten sich erst mal etwas rumfragen, bevor sie in gro�e Lagerhallen au�erhalb der Stadt gefahren wurden. Dort gibt es dann aber auch wieder Luis Vuiton Taschen, Rolex und Omega Uhren sowie Kopien der schrecklichen Ed Hardy Shirts (in Deutschland angeblich 100 bis 160 Euro, hier 30 bis 50 Yuan).

Leo.

Unternehmer sein in China, eine eigene Firma zu haben, dass scheint hier f�r die meisten das Ziel zu sein. Beim Abendessen mit Yunkung stellt er uns u.a. seinen Freund Wang vor. Dieser ist erst knappe 30, arbeitet 12 bis 14 Stunden t�glich und hat 20 Mitarbeiter. Bewunderung, nicht Neid, kommt aus den M�ndern der anderen, wenn es um seine Firma geht. Und jeder hat eine eigene Idee, einen Businessplan oder ein paar Kontakte, mit denen in ein paar Monaten oder 1 bis 2 Jahren der Sprung in die Selbstst�ndigkeit gewagt werden soll. Der Himmel �ber Shanghai ist f�r die junge Elite noch voller Chancen… Risiken sehen sie nicht. Ich finde es toll und hoffe, mir Teile dieses Elans und Optimismus abzuschneiden.

Leo.

Als wir abends in das Auto steigen, und uns Yunkung und Wang durch Shanghai fahren, merkt man ihnen den Stolz an. Hier der Fernsehturm, dort der h�chste Turm Chinas, dazwischen gl�nzen Starbucks und die Logos multinationaler Konzerne. Magnetschwebebahn, Expo 2010, Bauboom. Die Stadt w�chst, man sp�rt den dauernden Umbruch �berall. Stillstand bedeutet hier noch mehr als anderswo R�ckschritt, die Konkurrenz ist riesig. Doch, f�r den Augenblick, genie�en wir die Musik im Auto und fahren durch eine Stadt, die wohl wie New York nun singen darf �I wanna wake up in a city that never sleeps, in Shanghai…

Leo.

Knapp 18 Monate habe ich meinen Studienfreund Yunkung nicht gesehen. Der Kontakt zwischendurch war eher sporadisch. Aber als wir ihm sagten, dass wir nach Shanghai kommen, teilte er uns mit, dass er sich um uns k�mmern wird. Und so kam es auch. Gastfreundschaft wird in China noch gro� geschrieben. Hotel organisieren, mit uns durch die Stadt laufen, auf unsere W�nsche eingehen, all unser Essen bezahlen, dauernd fragen, ob er noch mehr f�r uns tun kann… so etwas ist schon toll, aber es besch�mt mich auch.

Als wir uns das letzte Mal in Deutschland sahen, gab es nur Snacks am Schnellimbiss. Jeder zahlte seinen eigenen Teil. Und die Fussballkarte zahlte auch jeder f�r sich. Aber er hat es mir wohl nicht �bel genommen. Und n�chstes Mal in Deutschland wird es ganz, ganz anders…

Leo.

Diese Woche sind wir in Shanghai und Suzhou unterwegs. Shanghai ist mit vielen hohen und imposanten Geb�uden im Vergleich zu Peking sehr beeindruckend. Allerdings erscheint mir Shanghai gerade wie eine einzige riesige Baustelle. An allen Ecken wird gehackt, geh�mmert und gebohrt was das Zeug so hergibt. Shanghai bereitet sich gerade auf die Expo 2010 vor.

Hier in Shanghai habe ich von einem chinesischen Freund einen sehr interessanten Satz geh�rt, der mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Dieser ist allem Anschein nach sowohl wahr, als auch sehr zutreffend. Denkt mal dar�ber nach!

�Wer nicht versteht, warum die Chinesen gerne zum Karaoke gehen, der hat die Chinesen nicht verstanden!�

Im Ritan Park haben wir doch tats�chlich eine Minigolfanlage gefunden. Allerdings war sie sehr mit Laub bedeckt, teilweise waren die Bahnen kaputt, z.B. war der Belag nicht mehr eben. Umso �berraschter waren wir, als aus dem kleinen Haus jemand herauskam und uns f�r 30 Yuan je Person Schl�ger und Ball anbot. Obwohl es kalt war, spielten wir eifrig los. Allerdings war die Bahnenvielfalt eher gering, von 20 Bahnen waren ungef�hr 10 �hnliche dabei. Aber wir spielten einfach los und zogen bald auch neugierige Blicke auf uns. Minigolf ist wohl eher unbekannt, viele Chinesen kommentierten unser Treiben, blieben stehen und schauten zu. Selbstverst�ndlich waren bei dieser Beobachtung unsere Leistungen unterirdisch schlecht.

Am Ende angekommen, hatte ich 10 Punkte mehr als Holly und damit verloren. Im Fr�hjahr, wenn es w�rmer ist, und die Bahn hoffentlich gereinigt, fordere ich eine Revanche.

Leo.

Von unserem chinesischen Freund wurden wir heute zu ihm nach Hause zum Essen eingeladen. Er hat f�r uns gekocht. Es war sehr lecker, und da die K�che so klein war, konnten wir auch nicht helfen. Allerdings zeigte sich, dass die chinesischen Gerichte nicht daf�r geeignet sind, wenn man sie f�r andere kocht und auch selber mitessen will. Da er nur 2 Herdplatten hat, aber 4 verschiedene Gerichte gekocht hat, waren die ersten schon wieder kalt, als die letzten fertig waren. Anders als bei deutschen Essen kann man ein Gericht nicht so vor sich hin brutzeln oder kochen lassen, es muss st�ndig gewendet werden, nachgew�rzt, und im Wok hin und her geschwenkt werden. Und da es frisch auf den Tisch muss, wird auch warm halten nicht so gerne gesehen.

Dennoch konnte ich mir einiges abgucken, und ich habe mir fest vorgenommen, meine Lieblingsgerichte selber kochen zu k�nnen. Allerdings brauche ich vorher noch jemand, der mir das zeigt. Vielleicht sollte ich mich ja mal in einem Restaurant bewerben?

Leo.

…ist ja eine Institution in der Sportschau. Auch in China, auf CCTV 5, gibt es so etwas. Allerdings habe ich das Gef�hl, dass nur Tore ausl�ndischer Ligen gezeigt werden. Die eingeblendete �bersetzung lautet “Hero of the week”, und zeigt nicht nur einzelne Tore, sondern herausragende Spieler. Meist werden ein paar Szenen gezeigt. Dieses Mal war auch Vedad Ibisevic dabei, welcher ja die Bundesliga mit 16 Toren anf�hrt. Ich frage mich, und werde dieses auch mal meine chinesischen Fu�ballfreunde fragen, wie die es finden, dass ein Verein in einem Vorort mit 3.272 Einwohnern in der h�chsten deutschen Spielklasse mitmischt. Der Ort ist so klein, der geht ja hier in China kaum als Dorf durch. Wenn ich mal vergleiche: unser Hochhaus hat 25 Stockwerke, in jedem 4 Wohnungen. Wenn in jeder im Schnitt 3 Leute wohnen, sind das je Haus 300 Einwohner. Wir haben 15 Hochh�user in diesem Abschnitt…bei Vollbelegung haben wir schon mehr Einwohner als Hoffenheim.

Aber zur�ck zum Thema. Nach “Hero of the week” kommt noch “zero of the week”, d.h. Schadenfreude in Person. Die d�mmsten Fu�ballpatzer oder die gr��ten Pechv�gel werden gezeigt. An erster Stelle dieser Woche: Jens Lehmann vom VFB Stuttgart mit den Gegentreffern bei der 1:4 Niederlage in Wolfsburg. Zwar hat Lehmann nicht schlecht gehalten, aber bei 3 von 4 Toren hat er den Ball vorher heldenhaft abgeklatscht, gegr�tscht oder vor die Brust schie�en lassen…aber trotz Einsatz war der Ball drin. Solche Missgeschicke kommen hier gut an, das wird immer gerne gesehen. Eigentlich ein perfekter Markt f�r die Sendung “Pleiten, Pech und Pannen”…ich werde mal an CCTV schreiben.

Leo.

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